Gefallene Helden

Meine fotografische Entwicklung ist zur Zeit geprägt von dem Versuch meine Fähigkeiten bei der Gestaltung des Positivs, des Prints zu verbessern. Wenn ich mich vor anderthalb Jahren noch über jeden Abzug gefreut habe, den ich halbwegs manierlich aus der Schale ziehen konnte, so steigen heute, mit der Komplexität der Negative, auch die Ansprüche an das eigene handwerkliche Vermögen. Und ich ärgere mich regelmässig, wenn ich nach dem vierten oder fünften Versuch den getrockneten Print in der Hand habe, dass mir wieder ein Bereich auffällt, der nicht optimal dargestellt wurde und den man noch überarbeiten könnte.

Zur fotografischen Entwicklung gehört ja auch immer die Betrachtung von Bildbeispielen anderer Fotografen. Und hier hat sich für mich ein erstaunlicher Wandel vollzogen. Leute, die ich ehemals bewundert habe, Szenegrössen, deren Fotografie mit Sicherheit den höchsten Ansprüchen an technischer Ausarbeitung genügt, deren Fotografie fängt mich an zu langweilen, denn sie ist vielfach geprägt von Wiederholung. Zum dreihundertfünfzigtausendsten mal – Frau, halbnackt oder nackt, in lasziven oder träumerischen Posen auf dem Hotelbett, vor dem Hotelbett, am Zimmer des Hotelfensters… Mal ein anderes Mädchen, mal ein anderes Hotel, das Prinzip bleibt gleich. Routinierte Abwicklung.

Nicht, dass ich mich nicht auch wiederholen würde. Das mache ich ständig, allerdings verstehe ich mich auch in einer anderen Phase der Fotografie: ich habe noch einen viel höheren Lern- und Experimentierbedarf und da ist ein sich wiederholendes Motiv nicht die schlechteste Wahl.

Vielleicht ist es auch der Blick hinter die Kulissen, der das Bewusstsein schärft, dass alle nur mit Wasser kochen. Der Materialeinsatz anderer Fotografen, für eine handvoll Bilder, ist teilweise erstaunlich hoch, und spannend sind die Phasen, die man miterleben darf. Ein kurzes Hoch, bei dem intensiv fotografiert wird und anschliessend erfolgt die Ausschlachtung und Vermarktung über die nächsten 3-4 Monate. Vielleicht ist das die Crux: das Spielerische, die Unschuld geht verloren, wenn man erst mal ein Sujet besetzt, dort seine Erfolge hat und das mitschwingende finanzielle Interesse befriedigt werden will.

Möglicherweise ist das ganze auch einfach nur die logische Folge meines eigenen Lernprozess und der erste Schritt zur Schärfung des eigenen Profils, das sich hoffentlich nicht auch irgendwann durch gepflegte Langeweile auszeichnet und nicht mehr überraschen kann.

Es gibt so Tage

Da ist man eigentlich recht zufrieden mit seinen fotografischen Aktivitäten. Grobe Belichtungsfehler gehören nunmehr eher zur Seltenheit, kompositorische Kapitalschnitzer wie Zweige, Masten o.ä., die aus einem porträtierten Kopf wachsen, lassen sich vermeiden und auch die Filmentwicklung stellt im Regelfall keine grössere Hürde mehr dar. Die rechte Gehirnhälfte funkt genügend kreative Impulse und an Bildideen herrscht kein Mangel. Auch bei unmöglichen Temperaturen und Lichtverhältnissen gibt es genügend Möglichkeiten sich mit dem schönsten Hobby der Welt zu beschäftigen, wer nicht fotografiert, holt sich Input aus der langen Regalreihe hervorrgender Fotografiebildbände, taucht in die Geheimnisse des Edeldrucks ein, oder, oder, oder…

Ich besinne mich gestern abend also auf das gute alte Internet und seine diversen Videoplattformen. Gefüttert wird mit Suchbegriffen – natürlich zum Thema Fotografie – und ruck-zuck sind zwei Stunden vorbei. Neue Namen, Neugierde geweckt, kurze Recherche, Portfolioseiten, tja und dann sieht man mal wieder wie viel man noch lernen muss. Der Aha-Moment wo Dir Deine bisherigen Machwerke klein vorkommen, weil du perfekte Bilder und perfektes Handwerk siehst. Na nutzt es auch nichts sich damit zu beruhigen, dass Zone IV überbewertet wird, denn der Mensch, dessen Bilder Dich gerade plätten, zaubert die mal ebenso hervor. Von tiefschwarz bis strahlen weiß, alles da in geradezu unwirklicher Harmonie und Ausgewogenheit.

Es gibt so Tage, da wirst Du also wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Dein unerschütterliches Selbstbewußtsein bekommt einen dezenten Tritt in den Allerwertesten, der Dich weder straucheln noch in den Abgrund der Selbstzermarterung fallen lässt, sondern erneuter Ansporn ist noch mehr zu lernen, noch mehr zu verstehen, noch besser zu werden…

Zumindest bei mir funktioniert das so!

Was taugen Vorbilder?

Ganz einfach. Nichts und alles.

Das Vorbild gehört zum Lernprozess dazu. Sei es der Maler, der alte Meister kopiert, vom Lehrer gefördert und gefordert, um Techniken zu probieren und zu verstehen. Die junge, ambitionierte Band, die sich eigentlich nur gegründet hat, um einen Sound wie Metallica oder die Beatles zu fabrizieren und natürlich mit Cover-Songs im Programm startet. Und schliesslich der Fotograf, der gesehen hat wie Newton Nacktheit kühl in Szene setzt oder Adams mit Landschaftgigantismus beeindruckt.

Als Kinder dienen uns Eltern und Geschwister, später vielleicht Freunde und Bekannte als Vorbilder. Unabdingbarer Bestandteil der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit. Was im Leben Recht ist, ist in der Kunst billig. Der entscheidende Faktor ist es den Absprung ins Ich zu finden. Den eigenen Weg, der sich vielleicht noch an Vorbildern orientieren kann, Einflüsse nicht verleugnet aber eben kein Plagiat ist.

So einfach und doch so schwierig. Vorbilder sind alles, denn ohne sie gibt es kein Lernen. Kopieren und verbessern – so funktioniert das seit Jahrtausenden. Vorbilder sind nichts, denn wenn ich mich nicht vom Kopieren lösen kann, keine eigene Kreativität und Ideen entwickle, bleibe ich eine belanglose Nummer unter Millionen-Flickr-Accounts.