Ist die soziale Vernetzung die soziale Vereinsamung?

Klingt paradox, oder? Der aktive Sozialnetzwerker ist doch ein geselliger, kommunikationsstarker Zeitgenosse, der aktiv am Leben teilnimmt und die neuen Medien lediglich als Bereicherung seines ohnehin reichen Kokntaktumfeldes sieht.

So manchmal beschleichen mich da Zweifel. Sicherlich, dank immer kleineren “smarten” Geräten zum Mitteilen des akuellen Gemütszustandes, kann theoretisch immer und überall, eben auch beim gerade stattfindenden Plausch mit dem Freundeskreis, eine Statusmeldung abgesetzt werden. Über Sinn und Unsinn dessen kann man mit Sicherheit trefflich streiten. Wenn ich aber wiederkehrend von Schlafdefizit aufgrund des ach-so-spannenden “Streams” lese, wenn Leute zu wirklich jeder Tages oder Nachtzeit online sind und den Auswurf der Community begierig aufsaugen wie ein Schwamm und jede Worthülse fleissig kommentieren beschleichen mich Zweifel. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man wohl einsame Seelen, die krampfhaft das Gespräch suchen, deren Sprüche nicht zünden, deren Gesprächspartner mit gerade noch aufzubringender Höflichkeit antworten, zwischen den Zeilen aber signalisieren: Bitte gehe mir nicht weiter auf den Sender. Tja, die Kunst der Zwischentöne, des zwischen den Zeilen lesens lernt man eben nur durch die Begegnung in der Kohlenstoffwelt…

Ist das jetzt Fluch oder Segen? Darf man behaupten, dass die entsprechenden Zeitgenossen sich so wenigstens der Illusion hingeben dürfen eine interessante Persönlichkeit zu haben oder werden die Herrschaften dank verklärtem “jetzt gehöre ich dazu” Empfinden weiter in die Isolation gedrängt? Ich weiß es nicht. Mich nerven sie. Ich möchte Gespräche, Fetzereien und Spass auf Augenhöhe. Ich kann niemanden Ernst nehmen, dessen offensichtlicher Lebensinhalt darin besteht den “Cool-kids” hinterherzulaufen, der noch kein geiles Foto rausgehauen hat, sich anderen Beiträgen aber analytisch nähert, der jedes Gadget kauft, um mitreden zu können, der kluge Beziehungssprüche reisst und Zitate zum Thema Liebe und Beziehung bringt, sich dem Thema Liebe aber bislang vermutlich auch nur analytisch oder platonisch genähert hat.

Zu schwarz und weiß in der Betrachtung? Vielleicht. Zu viel Drama und das ist gar nicht so? Mag sein. Kommt endlich meine dunkle und unverständige Seite an die Oberfläche? Auch das mag sein, aber ich wette, die meisten hatten beim Lesen mindestens einen Namen parat auf den das zutreffen könnte!