Orpheus & Co

Jetzt bin ich also durch, durch die Tintenwelt. Ja, sie hat sich von Roman zu Roman gesteigert, war streckenweise kurzweilig und spannend und doch will sich kein Gefühl der totalen Begeisterung einstellen.

Im Gegensatz zu Tanja ist mein Urteil im Vergleich zur Stadt der träumenden Bücher ganz eindeutig: chancenlos! Ich habe mich selbst gefragt, warum die Geschichte bei mir nicht zu 100% gezündet hat und eine endgültige und befriedigende Antwort habe ich nicht gefunden. Möglicherweise liegt es an der Verknüpfung von realer und Phantasie-Welt, die ich insbesondere bei Tintenherz teilweise unglücklich fand.

Abgesehen von der Tatsache, dass ich Orpheus wirklich gehasst habe und mir natürlich gegen den Strich geht, dass das Hintertürchen einer Fortsetzung mit seiner Flucht offen gelassen wurde, finde ich zwei Dinge nicht schlüssig:

Die Kombination von Schreiber und Vorleser muss unheilig sein, und nachdem sich Orpheus schon zu Beginn als bösartig herausstellt grenzt es an Idiotie ihn in die Tintenwelt zu lesen. Und selbst wenn er der einzige Ausweg erscheint, dann hole ich ihn halt als stumm in die Welt, um eine Verhandlungsposition zu haben. Ja, ich weiss es ist ein Kinderbuch und muss keiner Logik folgen, trotzdem.

Außerdem finde ich es nicht schlüssig, warum Meggie ihre Versuche zu schreiben nicht weitergeführt hat und auch sonst niemand der “Guten” jemals auf die Idee gekommen ist jemand anderen als Fenoglio schreiben zu lassen, aber auch das sind wahrscheinlich viel zu analytische Gedanken eines Erwachsenen, die angesichts eines Kinderbuches nicht angebracht sind.

So oder so bleiben die Tintenwelt Romane eine nette Lesekost, ich brauch allerdings jetzt etwas Handfestes aus der Ecke Krimi oder Science Fiction.

Meinungsäusserung

“Geht es um Dinge wie Bilder, ist jedes Urteil immer bloß eine Meinungsäußerung, nicht wahr?”

(Edgar Freemantle in Stephen Kings "Wahn", Seite 91)

Sex sells

Sex sells. Das dürfte ungefähr eine der ältesten Vermarktungsweisheiten der Welt sein.

Ein minderwertiges Produkt? Egal, mit einer üppigen Blondine und viel nackter Haut beworben wird es an den Mann gebracht. Ungeahnte Verkaufserfolge erzielen Romane à la Feuchtgebiete, die ach so bösen Rüpelrapper der Nation machen Kasse mit der blumigen Beschreibung malträtierter Körperöffnungen, und bei Blogs schnellen die Zugriffszahlen in die Höhe sobald nackte Haut gezeigt wird. Faszinierend!

Da spricht alle Welt von übersexualisierter Gesellschaft, aber die Mechanismen scheinen nach wie vor gleich zu funktionieren. Wenn auch hier und da vielleicht extremer in der Wortwahl oder Darstellung. Ehrlich gesagt dachte ich die Zeiten sind vorbei, in denen Ingo Appelt mit dem simplen und provokanten Ruf “Ficken” noch irgendjemand hinterm Ofen hervor lockt und Quote macht. Anscheinend weit gefehlt.

Das wirft natürlich die Frage auf wie macht man sich beim eigenen Streben nach finanzieller Unabhängigkeit und dem Traumberuf Privatier diesen Effekt zu nutze. Sollte ich auch ein Buch schreiben, gespickt mit möglichst vielen Fäkalausdrücken und Unappetitlichkeiten, dabei noch den Eindruck erwecken es handle sich um ein biographisches Werk, um dann von Talk-Show zu Talk Show zu ziehen und Kasse zu machen? Oder mit ein paar bösen Schüttelreimen und Beats aus dem Drumcomputer der willigen Jugend das üppige Taschengeld aus dem Hosensack ziehen? Ob Plattencover oder Druckwerk, ich könnte zumindest ein paar Fotografien beisteuern :) .

Angeblich funktionieren “me too-Konzepte” ja nicht, aber hier könnte man wirklich ins Grübeln kommen…