Ich bin nicht der belesene Kunstkenner und für mich ist die Fotografie nach wie vor noch ein relativ neues Feld. Trotzdem verfolge ich immer wieder mit Interesse die Diskussionen und Anmerkungen rund um das Thema Kunst und Fotografie sowie den Kunstmarkt im Allgemeinen. Ohne Zweifel will nicht jeder der fotografiert Kunst schaffen, das will auch nicht jeder der den Pinsel schwingt oder am Klavier improvisiert. Trotzdem ist die Suche nach neuen Formen und Möglichkeiten der Fotografie ein spannender Gedanke.
Konzentrieren wir uns bei den bildenden Künsten zur Vereinfachung mal ausschließlich auf die Felder Malerei, Musik und Fotografie und werfen einen Blick auf das Innovationspotential der jeweiligen Sparte. Die Musik mit ihrem auf den ersten Blick beschränkten 12 verschiedenen Tönen ergibt eine unendliche Fülle an Kombinationsmöglichkeiten in Notenlänge, Rhythmik, Dynamik, Instrumentalisierung etc. Auch für die Malerei scheinen die Möglichkeiten grenzenlos. Impressionismus, Expressionismus, gegenständlich, abstrakt, gepinselt, getupft, Öl, Aquarell, Kreide. Erlaubt ist alles was der Phantasie entspringt.
Und die Fotografie? Digital oder analog. Film oder Chip, in Randgebieten noch lichtempfindliche Emulsionen auf unterschiedlichsten Trägern. Das Material ist beschränkt. Das bildgebende Verfahren als Projektion von Vorhandenem auf ein Medium. Die entscheidende Einschränkung?
Auch scheint die Identifizierung mit dem und des Künstler schwieriger als in anderen Bereichen. Erkennen wir Bach oder die Beatles schon bei den ersten paar Takten oder auch die unverwechselbaren Farben und Pinselstriche eines van Gogh, so fällt das in der Fotografie schon schwieriger. Das Sujet kann den Künstler möglicherweise identifizieren, aber ansonsten? Wie heißt es so schön – ist das Motiv er mal im Sucher komponiert kann auch der Assistent den Auslöser drücken. Hinweise auf die “typische Handschrift” bietet möglicherweise eine Bemerkung, die jüngst im Zusammenhang mit dem angeblichen Fund verschollener Ansel Adams Negative gemacht wurde. Dabei wurde der atemberaubende Wert von 200 Miollionen Dollar der guten Stücke relativiert mit der Aussage, die Negative wären mehr oder weniger wertlos, da die Kunst der Adams Fotografie schließlich in der Ausarbeitung der Positive bestand.
Ist es so, dass jedes Bild schon mal gemacht wurde? Nein. Schließlich lässt sich kein Moment exakt gleich wiederholen, demnach ist das schonmal per Definition gar nicht möglich. Also auch hier theoretisch unbegrenztes Potential.
Nicht zu vernachlässigen in dem ganzen Gedankenspiel ist mit Sicherheit der Marketinggedanke der Kunst. Wenn in den Galerien der Welt 3 Pinselstriche auf 5x5m großer Leinwand als avantgardistische Kunst bejubelt werden, dann liegt dem ein prima Marketing zu Grunde. Verkaufe eine gute Geschichte und Du verkaufst Deine Kunst. Auch hier lässt sich der Spielraum in der Fotografie erweitern. Der schon letzthin benannte Reto Rigassi lässt dann schon mal seine Filme im Mondlicht belichten, spielt im Meerwasser von Venedig die Sintflut nach und verkauft damit ein Gesamtkunstwerk mit entsprechender Geschichte.
Hinkt der ganze Vergleich vielleicht, weil wir die Fotografie als relativ junge Kunstrichtung gar nicht mit den traditionellen Schwergewichten Musik und Malerei in einen Topf werfen dürfen? Ist der Wiedererkennungswert von Bach und van Gogh so hoch weil wir sie schon in der Schule um die Ohren gehauen bekommen und warum ignoriert der mir bekannte schulische Kunstunterricht weitestgehend die Fotografie? Krankt die Fotografie an ihrem Nimbus als Volkskunst? Ihrem angeblich fehlendem Erfordernis an Begabung oder handwerklicher Kunstfertigkeit des Fotografierenden? Und wie sieht schließlich Fotografie in 100 Jahren aus? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Aspekte fallen mir ein.
Bedeutet Revolution in der Fotografie ganz einfach besseres Marketing zu machen und mehr Geschichten zu verkaufen? Ich weiß es nicht. Ich bin sowohl in Sachen Fotografie als auch in Sachen Revolution blutiger Anfänger. Meine persönliche Revolution besteht darin erst mal den unbequemeren Weg zu gehen und traditionelle Fotografie zu erlernen und zu begreifen. Wohin mich der Weg führt kann ich noch nicht sagen aber ich spinne den Revolutionsgedanken trotzdem schon mal mit.


