Zugegeben, ich bin in einer besonderen Position. Im schweizer Exil bin ich von den Auswirkungen deutscher Politik nicht mehr unmittelbar betroffen aber sie interessiert mich nach wie vor und ich habe das Privilig einer mittlerweile etwas distanzierteren Betrachtung.
Vor vielen Jahren habe ich ja mal tatsächlich den Ausflug in eine Partei unternommen, um innerhalb kürzester Zeit festzustellen, dass das überhaut nicht meine Welt ist. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits ganz passabel verdient, zumindest soviel, dass ich bei der Berechnung des Mitgliedbeitrag in der höchsten Kategorie gelandet bin. Ganz blauäugig habe ich das Geld bezahlt, um kurze Zeit später festzustellen, dass man als gesetzter Mittvierziger in guter Position, gerne noch den Studentenbeitrag bezahlt. Ehrlichkeit und Politik, ich war jung und naiv
Wenn ich mich mit Bekannten aus Deutschland unterhalte und wir das Thema Politik streifen, wird sich regelmässig und bewundernd über die direkte Demokratie in der Schweiz und das Wesen der Volksabstimmung ausgelassen. Klar, ein interessantes Instrument mit vielen Vor- aber auch Nachteilen. In dem Zusammenhang schließt sich dann fast immer die Frage der Wahlbeteiligung an. Warum fällt sie kontinuierlich von Jahr zu Jahr? Warum fühlen die Menschen sich nicht mehr ernst- oder mitgenommen?
Ich glaube ja, die Frage der Wahlbeteiligung würde sich mit mehr Transparenz und einer ehrlichen Leistungsbilanz ändern lassen. Nicht stilisiert und interpretiert von Medien und Politik, sondern ganz konkret, mit Anleihen aus der Berufswelt. Nehmen wir das Projektmanagement und machen es ganz einfach: Projektpläne mit einem klar definierten Projektziel und Meilensteinen auf der Zeitreihe. Hat fast jeder schon mal gehört. Übertragen auf die Politik, sagen wir mal eine Auswahl von 10 elementaren Wahlversprechen, formuliert als Projekt und permanent verfolgt, kommuniziert und controllt. Wäre das nicht was? “Wir die Partei der Fähnchen im Wind haben uns im Wählerauftrag dies und das vorgenommen. Wir möchten das bis dahin erreichen und stellen uns folgende Zwischenschritte vor, die das bedeuten und das kosten…”. Die ehrliche Leistungsbilanz am Ende zu ziehen, wäre dann einfacher.
Vielleicht bin ich immer noch naiv, aber ich glaube mit ehrlicher Kommunikation der Vorhaben, der Leistungen und auch der Fehlschläge würde sich viel erreichen lassen. Es ist nicht zeitgemäß, permanent zu behaupten die allseligmachende Weisheit zu haben und immer richtig zu liegen. Es ist genauso unsinnig per Definition, sämtliche Äußerungen der gegnerischen Partei an den Pranger zu stellen. Wie oft haben wir festgestellt, dass beim Wechsel der Machtverhältnisse auf wundersane Weise sich Meinungen und Positionen um 180 Grad gedreht haben. Es ist allerdings ebenso blödsinnig immer nur über “die da oben” zu schimpfen. Wir wissen ja, Kritik ist viel einfacher als Lob!
Es ist kurz vor Wochenende, mir raucht der Kopf und ich stecke in drei gigantischen Projekten. Ich weiß, dass es nicht so simpel ist und ich oben ganz viel vereinfacht habe. Trotzdem glaube ich da steckt eine Menge Wahrheit drin.


