Netiquette ist im Netzmiteinander ja ein gern benutzter Begriff. Seid anständig zueinander, verkneift Euch persönliche Beleidigungen und diskutiert sachlich miteinander. Damit kann ich doch wunderbar leben.
Irritiert bin ich, wenn einigen polarisierenden oder unbequemen Äußerungen gleich ein beschwichtigender Hinweis folgt, es handle sich ja nur um persönliche Meinungen ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Erstens: ja was denn sonst? Und zweitens: warum denn gleich vorab quasi entschuldigen?
Mir kommt es so vor, als ob nur noch wenige einen ordentlichen Streit zu schätzen wissen. Möglichst nicht anecken, versuchen es jedem Recht zu machen, Streben nach permanenter Harmonie – langweilig! Klar sollte auch die negative Meinungsäußerung nach Möglichkeit mehr bieten, als ein erstes “das find ich blöd”. Gründe sind erwünscht. Aber selbst wenn nicht – es ist eine legitime Meinungsäußerung. Schließlich werden die Jubelperserkommentare im Regelfall ja auch nicht hinterfragt und gerne und unzensiert genommen.
Wenn das Ganze dann in gottgleicher Verehrung mündet verstehe ich die Welt nicht mehr. Beiträge, die teilweise an Belanglosigkeit nicht zu überbieten sind, wo man nach Möglichkeit nicht konkret wird, denn man könnte sich ja irren oder man müsste tatsächlich Recherchaufwand betreiben, gelten als das neue Evangelium. Banaler Alltagskäse wird zu großer Kunst hochgejubelt und die Kommentatoren überschlagen sich. Wow, ich mache jeden Tag ein Bild mit meinem Apfel-Handy. Innovativ, noch nie da gewesen, ganz grosses Kino. Ach ja, nicht zu vergessen die emotionale Komponente. Tränendrüse und Selbstreflexion – ein Garant für kopfnickendes Verständnis und kommentiertes Schulterklopfen.
Die unkritische Verehrung ist übrigens kein einseitiges “digitales” Phänomen. Auch Äußerungen der wohlbekannten “Analogfuzzis” werden gerne mal als Ritterschlag verstanden und man vergißt offensichtlich, dass alle nur mit Wasser kochen.
Irgendwie hab ich über all das schon mal geschrieben. Aber egal, es ist nach wie vor aktuell. Ich persönlich mag sie übrigens beide. Die Jubelperser und die kritischen Stinkstiefel. Aber ich bin auch schnell gelangweilt und unterm Strich ziehe ich ein handfestes Streitgespräch dem Austausch von oberflächlichen Nettigkeiten vor. Schließlich heißt es nicht umsonst Versöhnungssex sei der Beste (das ist ein rhetorischer Kunstgriff, nein, ich will keinen Sex mit Euch
).


