Streitfrust

Vielleicht werde ich zu alt und meine Streitlust schwindet mit abnehmendem Testosteronspiegel, aber dieses Forengewäsch über Pro und Contra analoger vs. digitaler Fotografie, Berechtigung von HDR oder was der Geier, lockt mich überhaupt nicht mehr hinter dem Ofen hervor.

Ich will und muß die Welt nicht von den Vorzügen der von mir präferierten Fotografie überzeugen, im Rechtfertigungszwang bin ich schon gar nicht und wenn ich wirklich Lust auf Streit habe frag ich die beste Ehefrau von allen, ob die Schokolade in letzter Zeit besonders gut geschmeckt hat.

Wie? Gerade noch beschwert, dass es nur noch selten zum Gespräch kommt und jetzt eine Breitseite gegen das palavernde Volk? Ja, denn das Gespräch sollte dialogisch ausgerichtet sein und was man im Regelfall in vorgenannten Foren findet, ist gekennzeichnet von selektiver Wahrnehmung, professionellem Nichtzuhören bzw. -lesen und monologisierender Selbstbeweihräucherung und Ignoranz. Wenn alle Stricke reißen wird dann gerne mal die Beleidigungskarte gezogen. Menschlich nachvollziehbar, für kurze Zeit vielleicht amüsant aber für mich nur noch langweilig.

Jetzt stellt Euch doch nur mal vor, all die Zeit und Energie fokussiert auf die Fotografie, wir würden in ein ungeahntes Mekka phantastischer Kunstwerke eintauchen! Und dann der Austausch über Techniken und Möglichkeiten, nicht um sie zu verdammen, sondern sich gegenseitig zu übertreffen, zu lernen und noch Größeres zu schaffen. Naiv, ich weiß. Sagte ich bereits, die Hoffnung stirbt zuletzt?

I have a dream

Es ist schon viel geschrieben worden, über die Vorzüge und Nachteile des Internet als allgegenwärtige Informations- und Präsentationsquelle, über Blogs- und Communityseiten, die dank Kommentarmöglichkeit eine Ratgeberfunktion vorgaukeln. Ich erkenne den Vorteil und nutze ihn, aber wenn wir bei “Wünsch-Dir-Was” wären…

Zu Zeiten in denen Kunst noch als solides Handwerk gelehrt wurde, war vollkommen klar, der Schüler lernt vom Meister, perfektioniert sein Handwerk und entwickelt irgendwann seinen eigenen Stil. Später tritt er in die Fußstapfen des Meisters, unterrichtet seine Schüler oder Lehrlinge und der Kreislauf beginnt von vorne. Heute, da wir uns mehrheitlich als Hobbykünstler verdingen gibt es diese logische Beziehung kaum noch. Klar, wir können viel Geld in sogenannte Coaches investieren, Kurse und Workshops besuchen und dem zu Beginn erwähnten, digitalen Austausch fröhnen. Mir ist schon klar, dass es sich damals nicht um reine Nächstenliebe gehandelt hat, sondern Lernende als billige Arbeitskräfte hergehalten haben und der Vergleich deshalb hinkt.

Trotzdem, wenn auch Idealismus nicht angesagt ist und in einer durchmaterialisierten Welt kaum jemand Lust hat seine kostbare Zeit zu opfern und Wissen weiter zu geben. Es wäre doch schön, wenn Meister ihres Faches wieder Gruppen von Schülern um sich scharen würden, Mentoren sich Zöglinge aussuchten, um ein Teil ihres Wissens und Könnens im Kohlestoffleben weiter zu geben. Gegenleistung möglich. Kreativgruppen, wo Lernende sich gegenseitig anstacheln und inspirieren und man ausnahmsweise nicht die allgegenwärtige Frage hört: und was hab ich davon?

I have a dream…

Was taugen Vorbilder?

Ganz einfach. Nichts und alles.

Das Vorbild gehört zum Lernprozess dazu. Sei es der Maler, der alte Meister kopiert, vom Lehrer gefördert und gefordert, um Techniken zu probieren und zu verstehen. Die junge, ambitionierte Band, die sich eigentlich nur gegründet hat, um einen Sound wie Metallica oder die Beatles zu fabrizieren und natürlich mit Cover-Songs im Programm startet. Und schliesslich der Fotograf, der gesehen hat wie Newton Nacktheit kühl in Szene setzt oder Adams mit Landschaftgigantismus beeindruckt.

Als Kinder dienen uns Eltern und Geschwister, später vielleicht Freunde und Bekannte als Vorbilder. Unabdingbarer Bestandteil der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit. Was im Leben Recht ist, ist in der Kunst billig. Der entscheidende Faktor ist es den Absprung ins Ich zu finden. Den eigenen Weg, der sich vielleicht noch an Vorbildern orientieren kann, Einflüsse nicht verleugnet aber eben kein Plagiat ist.

So einfach und doch so schwierig. Vorbilder sind alles, denn ohne sie gibt es kein Lernen. Kopieren und verbessern – so funktioniert das seit Jahrtausenden. Vorbilder sind nichts, denn wenn ich mich nicht vom Kopieren lösen kann, keine eigene Kreativität und Ideen entwickle, bleibe ich eine belanglose Nummer unter Millionen-Flickr-Accounts.