Für die meisten von Euch höchstwahrscheinlich ein alter Hut, bin ich heute in der Mediathek über die Arte Sendereihe “Toscanis Masterclass” gestossen und habe mir die drei zur Verfügung stehenden Episoden angesehen.
Ich wurde mal wieder zum Nachdenken angeregt. Toscani dürfte den meisten ja ein Begriff aufgrund seiner provokativen und direkten Bilder zu Werbekampagnen eines bekannten Kleidungskonzerns sein – zumindest war das bei mir so. Was also ist von einem solchen Mann zu erwarten, wenn er 5 fotografische Nachwuchstalente zu einer Masterclass versammelt? Nun, es gilt Aufgaben aus dem Alltag eines Fotografen zu bewältigen und sie durch den Meister bewerten zu lassen. Daneben erzählt und lehrt Toscani, stellt Thesen auf, provoziert und zettelt Diskussionen an.
Ich möchte bei den Thesen bleiben, von denen mich insbesondere zwei beschäftigen. Zunächst wäre da die Aussage: ein Fotograf oder Künstler muss sich permanent in Frage stellen. Nicht wirklich überraschend. Das ist in anderen Worten nichts anderes als das auch schon oft gehörte “die Komfortzone verlassen”, den Horizont erweitern, mutig sein, ausgetretene Pfade verlassen, usw. Ich bilde mir ein, genau das immer wieder zu tun, aber ist das genug? Natürlich probiere ich immer wieder aus, experimentiere eine Menge, aber meine Experimente sind oft technischer Natur, beschäftigen sich mit Verarbeitungstechniken o.ä. Bildtechnisch bleibe ich gerne bei “meinem” Genre und seinen Variationen. Auf fremden Pfaden wandle ich eher selten und die Ergebnisse bleiben der Öffentlichkeit regelmässig verborgen, obwohl ich durch die Diskussion und Kritik lernen könnte. Letztlich bin ich auch schon so weit wie die vielen von mir kritisierten Glatt- und Buntbügler.Ich glaube wohl einen imaginären Ruf zu verlieren, wenn die Quote meiner nicht so tollen Bilder zu groß wird. Ich weiß natürlich, dass nicht alle meine Fotografien super sind, aber ich habe ein extrem sicheres Gefühl dafür, welche Bilder gefallen und Applaus bekommen und genau die zeige ich. Immer wieder. Komfortzone – also doch!
Die Erkenntnis ist da, aber die Lösung nicht. Denn hier ist – zumindest aus meiner heutigen Sicht, die Grenze der Online-Welt erreicht. Es funktioniert nicht. Nicht für mich. Denn um Kritik aushalten zu können braucht man /ich Vertrauen. Und man braucht das Gespräch, von mir aus den Streit darüber. Aber nicht aus der Distanz. Nicht in wohlabgewägten Worten. Direkt, emotional, laut und spontan. Ohne nachlesen zu können, was wurde 10 Minuten vorher geäußert und ohne Killerphrasen à la “das liegt immer im Auge des Betrachters” oder “über Geschmack lässt sich nicht streiten”. Aber eben nicht von irgendeinem dahergelaufenen Datenblattonanisten, sondern von jemanden, den ich Ernst nehmen kann.
Das Prinzip Mentor und Schüler ist also gefragt. Alt und bewährt, aber wo gibt’s das heute noch? Wo sind die Meisterklassen für die Normalsterblichen? Wo sind die Künstlerkommunen, die sich gegenseitig mit Inspiration hochschaukeln? Ich kenne sie nicht.
Ich könnte hier noch weiter fabulieren, aber da war ja noch die zweite These. Eine gute Fotografie hat immer mit dem Menschen zu tun oder lässt sich auf ihn beziehen. So oder so ähnlich hat er das gesagt. Ist das so? Wo ist der Faktor Mensch bei Ansel Adams so berühmten Landschaftsaufnahmen? Oder hab ich das einfach nur falsch verstanden?
Keine Frage, der Mensch ist eines der stärksten, dankbarsten und ein endloses Motiv. Die berühmte Geschichte erzähle ich, wenn der Faktor Mensch da ist, denn andere Geschichten interessieren uns im Endeffekt nicht. Soweit klar. Trotzdem bleibe ich hier, ob der Bestimmtheit und Endgültigkeit der Aussage, ein Stück ratlos zurück. Meinungen?
Bei aller Grübelei habe ich auch mal wieder was gelernt. Nichts Neues, aber manche Dinge muss man ja immer wieder vor Augen geführt bekommen. Reduktion. Reduktion. Reduktion. Wie lautet die Bildaussage? Reduziere darauf und verzichte auf unnötiges Beiwerk. So einfach und doch so schwer…


