Künstler werden für Dummies – Teil 1

Warum darüber diskutieren, was Kunst letztendlich sein soll, wenn man jenseits aller Definitionsfragen ganz einfach Künstler sein kann? Du möchtest den elitären Hauch des Intellektuellen schmecken und die fotografische Welt soll Dich als Künstler wahrnehmen? Nichts einfacher als das, wie immer kann die beliebte “Dummies”-Reihe helfen und auch den übelsten lichtbildnerischen Dilettanten in den Olymp der künstlerischen Fotografie hieven.

Der Künstlername
So sympathisch Du auch sein magst, Fotografie von Peter Mueller klingen nach Urlaubsschnappschüssen aus dem kleinen Walsertal und die möchte nunmal niemand sehen. Lege Dir einen vernünftigen Künstlernamen zu und denke gleich international. Du strebst nach höheren Weihen und möchtest auch den angelsächsischen Sprachraum mit Deiner Kunst beglücken und “Peter McMiller” bringt doch gleich ein ganz anderes Potential mit. Du bist der Highlander der Fotografie und es kann nur einen geben…

Die Vita
Schön, dass Du eine glückliche Kindheit hattest, Deine Eltern gerade Ihre Silberhochzeit feiern konnten, Dein polizeiliches Führungszeugnis einwandfrei ist und Du seit dem Abschluß Deines Volkswirtschaftsstudiums in einem bekannten deutschen Kreditinstitut arbeitest. Alles kontraproduktiv. Eine eindrückliche Vita mit möglichst problematischer Jugend und diversen Schicksalsschlägen hat Dich künstlerisch geprägt. Die Szenerie Deiner Bilder entspringt natürlich nicht Deinem permanenten Konsum diverser Horror- und Pornostreifen sondern ist die systematische Bewältigung deines leidgeprüften Lebensweges. Die frustrierten Hausfrauen werden Dich lieben und nachprüfen wird das niemand. Die Leute lieben solche Geschichten.

Erfolge
Ganz eng mit Deiner Vita verknüpft ist selbstverständlich der Hinweis auf Deine diversen Erfolge. Du bist Mitte 30 und hattest mit 2 Jahren deine erste Plastikkamera in der Hand? Dann bist Du seit über 30 Jahren erfolgreicher Fotograf, denn Erfolg ist relativ und schließlich haben Mami und Papi Deine Bilder immer in den höchsten Tönen gelobt.

Publikationen
Aus der Reihe “Erfolge” sind selbstverständlich auch Deine Publikationen zu nennen. “Hat in verschiedenen internationalen Publikationen veröffentlicht” stimmt, denn je nach geographischem Blickwinkel sind die von Dir beigetragenen Bildchen aus Eurer Abi-Zeitung des Gymnasiums Castrop-Rauxel eben auch international.

Wenn Du bis hierhin folgen konntest bist Du Deinem neuen und aufregenden Leben als Künstler schon einen Riesenschritt näher gekommen. In Teil 2 unserer Serie “Künstler werden für Dummies” beschäftigen wir uns dann unter anderem mit der Frage der Präsentation Deiner Bilder, warum Kopieren essentieller Bestandteil auf dem Weg zum Künstler ist sowie mit dem Umstand, dass Masse eine höhere Priorität als Klasse hat.

Streitfrust

Vielleicht werde ich zu alt und meine Streitlust schwindet mit abnehmendem Testosteronspiegel, aber dieses Forengewäsch über Pro und Contra analoger vs. digitaler Fotografie, Berechtigung von HDR oder was der Geier, lockt mich überhaupt nicht mehr hinter dem Ofen hervor.

Ich will und muß die Welt nicht von den Vorzügen der von mir präferierten Fotografie überzeugen, im Rechtfertigungszwang bin ich schon gar nicht und wenn ich wirklich Lust auf Streit habe frag ich die beste Ehefrau von allen, ob die Schokolade in letzter Zeit besonders gut geschmeckt hat.

Wie? Gerade noch beschwert, dass es nur noch selten zum Gespräch kommt und jetzt eine Breitseite gegen das palavernde Volk? Ja, denn das Gespräch sollte dialogisch ausgerichtet sein und was man im Regelfall in vorgenannten Foren findet, ist gekennzeichnet von selektiver Wahrnehmung, professionellem Nichtzuhören bzw. -lesen und monologisierender Selbstbeweihräucherung und Ignoranz. Wenn alle Stricke reißen wird dann gerne mal die Beleidigungskarte gezogen. Menschlich nachvollziehbar, für kurze Zeit vielleicht amüsant aber für mich nur noch langweilig.

Jetzt stellt Euch doch nur mal vor, all die Zeit und Energie fokussiert auf die Fotografie, wir würden in ein ungeahntes Mekka phantastischer Kunstwerke eintauchen! Und dann der Austausch über Techniken und Möglichkeiten, nicht um sie zu verdammen, sondern sich gegenseitig zu übertreffen, zu lernen und noch Größeres zu schaffen. Naiv, ich weiß. Sagte ich bereits, die Hoffnung stirbt zuletzt?

Revolution für Anfänger

Ich bin nicht der belesene Kunstkenner und für mich ist die Fotografie nach wie vor noch ein relativ neues Feld. Trotzdem verfolge ich immer wieder mit Interesse die Diskussionen und Anmerkungen rund um das Thema Kunst und Fotografie sowie den Kunstmarkt im Allgemeinen. Ohne Zweifel will nicht jeder der fotografiert Kunst schaffen, das will auch nicht jeder der den Pinsel schwingt oder am Klavier improvisiert. Trotzdem ist die Suche nach neuen Formen und Möglichkeiten der Fotografie ein spannender Gedanke.

Konzentrieren wir uns bei den bildenden Künsten zur Vereinfachung mal ausschließlich auf die Felder Malerei, Musik und Fotografie und werfen einen Blick auf das Innovationspotential der jeweiligen Sparte. Die Musik mit ihrem auf den ersten Blick beschränkten 12 verschiedenen Tönen ergibt eine unendliche Fülle an Kombinationsmöglichkeiten in Notenlänge, Rhythmik, Dynamik, Instrumentalisierung etc. Auch für die Malerei scheinen die Möglichkeiten grenzenlos. Impressionismus, Expressionismus, gegenständlich, abstrakt, gepinselt, getupft, Öl, Aquarell, Kreide. Erlaubt ist alles was der Phantasie entspringt.

Und die Fotografie? Digital oder analog. Film oder Chip, in Randgebieten noch lichtempfindliche Emulsionen auf unterschiedlichsten Trägern. Das Material ist beschränkt. Das bildgebende Verfahren als Projektion von Vorhandenem auf ein Medium. Die entscheidende Einschränkung?

Auch scheint die Identifizierung mit dem und des Künstler schwieriger als in anderen Bereichen. Erkennen wir Bach oder die Beatles schon bei den ersten paar Takten oder auch die unverwechselbaren Farben und Pinselstriche eines van Gogh, so fällt das in der Fotografie schon schwieriger. Das Sujet kann den Künstler möglicherweise identifizieren, aber ansonsten? Wie heißt es so schön – ist das Motiv er mal im Sucher komponiert kann auch der Assistent den Auslöser drücken. Hinweise auf die “typische Handschrift” bietet möglicherweise eine Bemerkung, die jüngst im Zusammenhang mit dem angeblichen Fund verschollener Ansel Adams Negative gemacht wurde. Dabei wurde der atemberaubende Wert von 200 Miollionen Dollar der guten Stücke relativiert mit der Aussage, die Negative wären mehr oder weniger wertlos, da die Kunst der Adams Fotografie schließlich in der Ausarbeitung der Positive bestand.

Ist es so, dass jedes Bild schon mal gemacht wurde? Nein. Schließlich lässt sich kein Moment exakt gleich wiederholen, demnach ist das schonmal per Definition gar nicht möglich. Also auch hier theoretisch unbegrenztes Potential.

Nicht zu vernachlässigen in dem ganzen Gedankenspiel ist mit Sicherheit der Marketinggedanke der Kunst. Wenn in den Galerien der Welt 3 Pinselstriche auf 5x5m großer Leinwand als avantgardistische Kunst bejubelt werden, dann liegt dem ein prima Marketing zu Grunde. Verkaufe eine gute Geschichte und Du verkaufst Deine Kunst. Auch hier lässt sich der Spielraum in der Fotografie erweitern. Der schon letzthin benannte Reto Rigassi lässt dann schon mal seine Filme im Mondlicht belichten, spielt im Meerwasser von Venedig die Sintflut nach und verkauft damit ein Gesamtkunstwerk mit entsprechender Geschichte.

Hinkt der ganze Vergleich vielleicht, weil wir die Fotografie als relativ junge Kunstrichtung gar nicht mit den traditionellen Schwergewichten Musik und Malerei in einen Topf werfen dürfen? Ist der Wiedererkennungswert von Bach und van Gogh so hoch weil wir sie schon in der Schule um die Ohren gehauen bekommen und warum ignoriert der mir bekannte schulische Kunstunterricht weitestgehend die Fotografie? Krankt die Fotografie an ihrem Nimbus als Volkskunst? Ihrem angeblich fehlendem Erfordernis an Begabung oder handwerklicher Kunstfertigkeit des Fotografierenden? Und wie sieht schließlich Fotografie in 100 Jahren aus? Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Aspekte fallen mir ein.

Bedeutet Revolution in der Fotografie ganz einfach besseres Marketing zu machen und mehr Geschichten zu verkaufen? Ich weiß es nicht. Ich bin sowohl in Sachen Fotografie als auch in Sachen Revolution blutiger Anfänger. Meine persönliche Revolution besteht darin erst mal den unbequemeren Weg zu gehen und traditionelle Fotografie zu erlernen und zu begreifen. Wohin mich der Weg führt kann ich noch nicht sagen aber ich spinne den Revolutionsgedanken trotzdem schon mal mit.

Leidensweg und Triumphzug

Ich erinnere mich daran, wie ich mir als Kind das Bildnis von van Gogh mit verbundenem Kopf betrachtete, und auf Nachfrage erfuhr, dass er sich selbst das Ohr abgeschnitten hatte. Verrückte Künstler dachte ich, warum macht man sowas, das tut doch weh?

Muß Kunst oder der Weg zur Kunst weh tun? Ist es ein Leidensweg? Mal abgesehen davon, dass die Frage, ob van Gogh sich wirklich selbst verstümmelt hat nicht vollkommen klar ist, fällt mir in dem Zusammenhang die Antwort eines russischen Arztes auf die Frage ein, warum es heute nur noch so wenig Genies gäbe. Er meinte: “Ganz einfach, weil wir das heute heilen können”. Lohn sich mal darüber nachzudenken, aber zurück:

Klar, der schöpferische Prozess ist verbunden mit Fehlern und Rückschlägen. Letztlich die übliche Lernkurve. Hinzu kommt der Anspruch an das eigene Werk und Können, die Angst vor mangelndem Zuspruch oder das Unvermögen die Idee in greifbare Materie umzusetzen. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Ihr gegenüber steht aber der Spaß am Prozess, am Lernvorgang, die Erfolgserlebnisse bei gelösten Problemen und Etappenzielen bis schließlich irgendwann das Endergebnis steht.

Vermutlich ist es eine Typfrage, ob man sich in masochistischem Selbstzweifel durch seine Kunst quält oder sich mit Freude und unerschütterlichem Optimismus der Aufgabe widmet. Beide Varianten können zum Olymp grosser Kunst führen, wobei  sich vermutlich jeder, kurzfristig oder dauerhaft irgendwann und irgendwo in einem Aggregatszustand zwischen diesen Extremen befindet.

Jammerlappen oder Großmaul – Kunst kann jeder machen. Für den einen ist es Leidensweg, für den anderen Triumphzug. Ein Spaziergang ist es nicht immer.

Meinungsäusserung

“Geht es um Dinge wie Bilder, ist jedes Urteil immer bloß eine Meinungsäußerung, nicht wahr?”

(Edgar Freemantle in Stephen Kings "Wahn", Seite 91)