Beim jüngsten Durchblättern des Magazins der NZZ fiel mir ein Artikel in die Hände, der sich mit einem Experiment zweier israelischer Ökonomen befasste. Aufhänger war, dass es in Kinderkrippen immer wieder Eltern gab, die ihre Sprösslinge zu spät abholten. Demnach wurde angekündigt per sofort eine Busse von 10 Schekel für zu spätes Erscheinen zu verhängen.
Wer nun erwartet, dass die Zahl der Zuspätkommer sich drastisch reduzierte, wird möglicherweise verwundert sein, dass der gegenteilige Effekt eintrat. Die Erklärung lautet wie folgt: Solange das Fehlverhalten der Eltern noch nicht sanktioniert wurde, galten soziale Normen. Man fühlte eine Verpflichtung im Rahmen der unausgesprochenen Übereinkunft mit dem Erziehungspersonal und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn man diese Abmachung nicht einhalten konnte. Mit Einführung der Strafzahlung wurden die sozialen Normen durch Marktnormen ersetzt und das Fehlverhalten quasi mit einem Preisschild versehen. Ergo war das Gewissen beruhigt, der Preis wurde als angemessen für die “Leistung” betrachtet und mehr Eltern liessen sich mit dem Abholen der Kinder Zeit. Bemerkenswert ist, dass das Verhalten sich auch nicht änderte, als die Geldbussen wieder aufgehoben wurden, es hatte sich etwas Grundlegendes in der Wahrnehmung verändert.
Der beschriebene Wahrnehmungseffekt wurde auch in anderen Lebensbereichen durch Experimente bestätigt. So etwa durch Anwälte, die sich weigerten eine Rentnervereinigung zum reduzierten Stundensatz von 30 Dollar zu vertreten, kurze Zeit später dies jedoch kostenlos taten. Oder Passanten, die sich mehrheitlich weigerten gegen einen geringen Geldbetrag beim Transport eines Möbelstücks zu helfen, im Vergleich dazu, dies auf freiwilliger Basis aber eher taten.
Beim Versuch diese Erkenntnisse auf die bildene Kunst zu übertragen erlebt man einen anderen Effekt. Hier hat bis vor einigen Jahren immer eine Marktnorm gegolten. Für Musik, Fotografien u.ä. hat man ganz selbstverständlich einen Preis im Ladengeschäft bezahlt. Diese alte Marktnorm wurde abgelöst. Es wäre wohl falsch hier von einer neuen sozialen Norm zu sprechen. Vielmehr wurde die alte Marktnorm von einer neuen Marktnorm, der unbegrenzten und kostenfreien Verfügbarkeit von digitalen Medien ersetzt. Es gibt aber auch einen Bewußtseinswandel im Sinne der Sozialnorm. Diebstahl wird fein unterschieden in Ladendiebstahl (macht man nicht) und online-Diebstahl (naja, schlimmstenfalls Kavaliersdelikt), von schlechtem Gewissen im Regelfall keine Spur. Wie kommt das?
Was bedeutet es für die bildende Kunst, wenn man dem Credo des Artikels folgt “Bezahle gut, oder bezahle gar nicht”. Kaum einer will ohne die Früchte der bildenden Kunst leben, das Verständnis von Künstlern und Konsumenten geht aber ganz erheblich auseinander, was ein guter oder angemessener Preis für das Produkt Kunst ist. Da der Schallplatten oder CD-Kauf vermutlich alltäglicher und preislich eng umrissen ist frage ich mal so: habt Ihr Euch schon mal überlegt, was ihr bereit wärt für eine Fotografie, die Euch begeistert zu bezahlen? Lassen wir mal Unikate etc. außer acht und sprechen vom normalen, wandtauglichen Abzug. Sind das € 5,- , 50,- oder 500,-?
Bleibt die Frage, wie ein Bewußtseinswandel zu bewerkstelligen ist, der Künstler und Konsumenten in Einklang bringt, die Früchte der Arbeit eines Künstlers honoriert, das Gewissen wieder reaktiviert und zur Belebung des Kunstmarkts in all seinen Facetten führt.


