Von Mysterien und Wirklichkeit

Ich bin Filmfotograf aus Überzeugung und Leidenschaft. Eine Tätigkeit die Leiden schafft. Moah, müdes Wortspiel, ich weiß. Allerdings sollte, wer plant etwas tiefer in die Materie Filmfotografie einzusteigen, tatsächlich eine gesunde Portion an Leidensfähigkeit mitbringen.

Ich habe bereits mehrfach über Entwicklungsfehler, Belichtungsfehler, verranzte Chemie, Flecken, Staub und anderes Ungemach berichtet. Spannend wird es allerdings, wenn man sich auf den Weg macht und nach Lösungen für fotografische Störquellen sucht. Die Filmfotografie ist ein Tummelplatz für Sagen, Halbwahrheiten, Schwätzer und Druiden. Will sagen: suche nach Antworten, frage 10 Personen und erhalte 10 verschiedene Antworten. Gratis dazu gibts dann nochmals 10 neue Probleme, die ja irgendwie mit deiner ursprünglichen Fragestellung zusammenhängen könnten. Und selbst wenn Du jemanden mit profundem Wissen gefunden hast, der dieses auch noch bereitwillig teilt (was selten ist, und vergessen wir nicht was an anderer Stelle schonmal festgestellt wurde: Fotografen sind hinterfotzig. Alle Geheimnisse werden niemals geteilt…) – es handelt sich immer um die Summe der Erfahrungen einer anderen Person. Im Regelfall führen mehrere Wege nach Rom.

Unterm Strich wird man nicht umhin kommen zu testen. Ein ausgeprägter Spieltrieb dürfte also mindestens ebenso wichtig sein wie die vorgenannte Leidensfähigkeit. Und Herumprobieren dauert in der Dunkelkammer nunmal länger als am Rechner. Auf Knopfdruck zurück auf Start ist nicht. Das nervt öfter mal, lädt zu Flüchen ein und ja, man leidet auch. Dafür ist die Belohnung, ein gelungenes Machwerk nach X-Versuchen in den Händen zu halten, nur mit wenig zu vergleichen.

Tja, und ehe man sich’s versieht wird man selbst zum gefragten Experten und darf sich dann überlegen welches Maß an Verwirrung man unter den Suchenden stiftet.

Sinatra und die Kritiker

Von Experten lernen, Kritik annehmen – tolle Sache. Wenn ich ab und an in den einschlägigen Foren stöbere und mir die teilweise hinterlassenen Bildbewertungen und Kommentare durchlese, wechseln sich Staunen und Lachen regelmässig ab. Von den bekannten Lobpreisungen bis zu hobbypsychologischen Mutmassungen über das Seelenleben des Fotografen und seine vermutlich traumatischen Kindheitserlebnisse wird hier alles geboten.

Ich habe das ja alles selber mitgemacht. Bilder auf Expertenplattformen hochgeladen, um Feedback gebeten, Diskussionen angefangen – möglicherweise ist das ein Weg zum “besseren Bild”. Aber nicht mehr meiner. Ich bin mir zwischenzeitlich recht sicher was Müll ist und was nicht. Wenn die Erkenntnis auch mitunter auf sich warten lässt und ich mich nach ein paar Wochen frage wie ich das betreffende Machwerk präsentationswürdig finden konnte.

Stöbern in alter Fotografieliteratur, betrachten unzähliger Fotografien alter und neuer Künstler, Herumspielen und Experimentieren, dass sind die Mosaiksteinchen an denen sich meine heutige Entwicklung orientiert. Klar diskutiere ich auch mal mit Freunden und Gleichgesinnten über meine Bilder und logisch nehme ich hier Kritiken und Anregungen mit, aber von der Präsentation in Foren selbsternannter Fotoexperten lass ich die Finger. Die ständigen Lachanfälle gehen aufs Zwerchfell.

Beispiel gefällig? Da zeigt ein naiver Fotoneuling sein jüngstes Machwerk. Architekturaufnahme. Ein Klassiker – verglaste Fensterfront, dezente Spiegelungen, viele Linien und Grautöne. Einer der ersten schlauen Kommentare: “Du, sei mir nicht böse aber mir fehlt die Message im Bild, gefolgt vom üblichen Kontrast, Farbe, blablabla.” Und was macht die arme Wurst? Verteidigt sich auch noch. Da gibts nix rein zu interpretieren. Spiel mit Formen, Linien, Kurven, Licht und Schatten muss keine Message haben!

Sakrament noch mal, jetzt reg ich mich doch auf. Die Botschaft von hochglanzpolierten Blumen- & Bienenmakros, knallbunten Weizen- und Mohnfelder der Expertenriege könnte man sich ja mal erklären lassen.

Fazit: Frei nach Frankyboy – I do it my way…