Midlife Crisis

Ich bin gespannt. Gespannt wann sie nun kommt, wenn sie denn kommt, die sogenannte ‘Mittlebenskrise’.

Nun gut, vielleicht ist es zu früh, denn mal abgesehen von der Tatsache, dass ich mich weigere zu glauben, dass das jetzt schon die Lebensmitte sein soll – hey, schließlich ich möchte lässig über 100 werden, also mal abgesehen davon finde ich ja, ich sehe heute wesentlich besser aus als noch vor 15 Jahren. Klar, die heute einmal angefressenen Kilos werde ich nicht mehr so schnell los wie damals, das Haupthaar lichtet sich bedenklich, die Bartstoppeln schimmern zwischenzeitlich 3-farbig, aber ansonsten? Ich habe eine phantastische Familie, ich habe mein Auskommen, ich lebe ein privilegiertes Leben!

Wahrscheinlich bin ich zu sehr Kopfmensch, als dass ich meine normalen Wehwehchen und die kleinen Störfeuer des Alltags in eine andere Kategorie als Luxusprobleme einordnen würde, kurz gesagt: ich bin zufrieden. Wie heisst es so schön, so lange man gesund bleibt…

Also liebe Midlife Crisis, du darfst in 20 Jahren noch mal anklopfen, ich hab jetzt definitiv keine Zeit für Dich!

Gestern, heute, morgen

Es gibt Wahrheiten, die muß man sich einfach eingestehen. Ich werde wohl kein Handicap mehr im einstelligen Bereich erreichen und mangels zeitlichen Möglichkeiten das Golfspiel sowieso an den Nagel hängen. Die drei mal im Jahr auf dem Platz lohnen sich nicht wirklich. Auch lässt sich nicht verhehlen, dass ich in nicht zu allzu ferner Zukunft die Auskunft über mein Lebensalter mit einer 4 an erster Stelle beginnen muß. Ergo die Zeiten der konsequenzfreien Doppel- und Dreifachmahlzeiten vorbei sind. Auf Mampf folgt Kampf, wenn ich die Rettungsringe im erträglichen Rahmen halten möchte.

Hin und wieder erwische ich mich ja bei dem Gedankenspiel, was wäre wenn gewesen. Zugegeben, ich bin nicht sonderlich rückwärts gewandt, und die immer mal wiederkehrende Frage der Liebsten “Schatz, weißt Du eigentlich was für ein Tag heute ist” kann ich im Regelfall nur mit Nennung eines Wochentags und nicht mit der bedeutungsschwangeren, historischen Gegebenheit des ersten Treffens, Kuß oder was auch immer beantworten. Trotzdem, die Spekulation darüber wie das Leben ohne bestimmte Ereignisse oder Entscheidungen verlaufen wäre beschäftigt einen ja dann und wann.

Welches Handicap hätte ich heute, wäre mir das Golfspiel schon im Kindesalter begegnet und für Normalsterbliche finanzierbar gewesen? Welchen Bodymaßindex könnte ich heute aufbieten, hätte ich den Sport nicht irgendwann extrem vernachlässigt? Und welche fotografische Qualität hätten meine Arbeiten heute mit einer theoretisch möglichen Erfahrung von 30 Jahren? Letztlich unwichtig und unsinnig, denn die Dinge sind wie sie sind und rückblickend ist man immer klüger. Außerdem schwingt ja bei jedem “ach hätt ich doch, aber die Umstände waren…” auch immer ein Stückchen Selbstmitleid und Entschuldigung mit.

Also beerdige ich das Golf-Ding, akzeptiere den Hüftspeck und genieße weiter die Entdeckungsreise des Neuen und nicht ganz so Neuen. Mit der Fotografie bin ich noch lange nicht durch und ich kann lässig noch 40 Jahre Erfahrung sammeln. Ach ja, und ich hab gerade beschlossen Flamenco-Gitarre zu lernen. Zugegeben, vielleicht hätten meine Finger vor 30 Jahren schneller gehorcht, aber was soll´s. Ich werde immer Dinge finden, die ich spannend finde und ausprobieren möchte und ich hab im Regelfall auch keine Angst davor sie zu probieren. Auch wenn ich darin keine Meisterschaft mehr erreichen kann und ich eigentlich schon “zu alt” bin.

Who cares?

Die Frucht der Erkenntnis

Altersweise, altersmilde oder auch altersstarrsinnig sind gängige Vokabeln, die die sich verändernden oder auch manifestierenden Eigenschaften mit fortschreitenden Lebensjahren beschreiben. Gibt es das Wort “Altersgeschmack”? Abgesehen davon, dass ich glaube erkennen zu können, dass ich etwas klüger und ruhiger geworden bin – zu der Abteilung Starrsinn schweige ich mich aus, nehme ich viele “geschmacklichen” Dinge mittlerweile verändert war. Mir geht es hier nicht um Essen und die Tatsache, dass ich Leckereien wie Käse und Spargel mit zunehmendem Vergnügen esse und sie mir vor einigen Jahren nicht auf den Teller gekommen wären. O.k. – französischer Weichkäse gehört immer noch nicht zu meinen Favoriten, aber ich schweife mal wieder ab. Nein, ich rede von meiner veränderten Wahrnehmung von Bildern.

Wenn ich mir früher einen Fotobildband wie “The Americans” von Robert Frank angesehen habe, dann fand ich ihn mehrheitlich langweilig und konnte mit den Bildern gar nichts anfangen. Nach meiner Meinung gefragt, hätte ich mich wahrscheinlich zu einer Aussagen à la “irgendwelche Gesichter im Café, an der Strasse oder im vorbeifahrenden Bus kann ich auch fotografieren, was ist da schon dabei” hinreissen lassen. Autsch! Gott sei Dank hat mich niemand gefragt, denn weit gefehlt. Diese Bilder erzählen Geschichten, sie vermitteln Emotionen – wenn man sich darauf einlässt.

Read More…