Mich beschäftigt eine Frage: kann man nur von einem Menschen, der sich selber mag ein gutes bzw. schönes Foto machen?
Menschenfotografie ist mein Ding und ich habe das grosse Privileg zwei ganz wunderbare Modelle daheim zu haben. Der Junior kümmert sich noch nicht wirklich um Fragen der Wirkung oder des Gut-Aussehens, ist ganz Kind (obwohl er sich schon jetzt gerne produziert und in Szene setzt) und lässt die Dinge einfach laufen. Für ihn ist das ein Spiel.
Mit der besten Ehefrau von allen ist das schon eine ganz andere Sache. Da werden regelmässig Diskussionen à la “da sehe ich aber nicht gut aus” geführt, ihr Herz schlägt für Hochglanz und Beautyfotos, die gerne auch mal eine Portion Retusche vertragen dürfen. Trotzdem weiss ich, dass sie letztlich mit sich im Reinen ist, sich und ihren Körper mag und auch den von mir geforderten Mut zur Hässlichkeit aufbringt. Ihr Portfolio umfasst mehr als einen Gesichtsausdruck (schon mal aufgefallen wie viele Modelle immer gleich “pseudosexy” bzw. langweilig in die Kamera schauen?) und sie hat keine Scheu sich zu zeigen, wie sie ist.
Aber wie oft habt ihr schon den Satz gehört “ich will nicht fotografiert werden, ich sehe auf Fotos nicht gut aus”? Wie viele Situationen, wo hektisch Gesichter abgewendet oder Hinter Händen versteckt werden? Kann man von den Leuten gute Fotos machen? Die Frage wird regelmässig bejaht, den es kommt ja angeblich nur auf den Fotografen an, der sein Handwerk beherrscht, richtig mit Licht und Schatten umgehen kann und somit aus jedem hässlichen Entlein einen stolzen Schwan zaubert. Genau jene Vertreter fabulieren aber auch regelmässig von Bildern mit Seele, dem Einfangen der Persönlichkeit im Bild und hier liegt doch genau der Hund begraben. Der Supi-Seelenfängerfotograf wandelt das Persönlichkeitsempfindens der zu fotografierenden Person um 180 Grad von “hasse ich” zu “find ich toll”? Kann ich jemanden der sich selbst nicht mag und krampfig vor der Kamera steht, schön fotografieren? Die Gleichung geht doch irgendwie nicht auf.
Entweder der Fotograf betätigt sich auch noch als Zauberzunge und überzeugt sein Gegenüber zumindest für den Moment von dessen Schönheit, oder das Ganze gequatsche von Bildern mit Seele ist Fotografenvoodoo, oder die Bilder zeigen Hässlichkeit oder das ganze funktioniert tatsächlich nicht, oder doch? Ich glaube ich verliere den Faden…
Vielleicht lautet auch die Lösung, dass ich von entsprechenden Menschen kein gutes Foto machen kann, solange sie sich bewusst sind, dass sie fotografiert werden und in dem Moment über sich selber und ihre Wirkung nachdenken. Im Umkehrschluss müsste man also die Ausgangsfrage umformulieren in: kann ich von jemandem, der sich bewusst ist, dass er fotografiert wird und sich selber nicht mag ein schönes Foto machen. Ja oder nein? Meinungen?
P.S.: Kommentare mit “Schönheit liegt im Auge des Betrachters” werden gelöscht – die sind nicht hilfreich!!