Sentimental Blues

Vor einigen Jahren hätte es mir wohl weniger ausgemacht. Meine Beine sind müde, ich spüre meine Knie und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich morgen früh mit Rückenschmerzen aufstehen. Zumindest steht das Klavier jetzt auf der gegenüberliegenden Zimmerseite. Es muss einem neuen Kleiderschrank weichen.

Dieses Klavier begleitet mich seit meiner frühen Kindheit. Damals haben meine Eltern meine Schwester und mich gefragt, ob wir lieber Reitunterricht nehmen wollen, oder Klavier spielen. Für mich war die Antwort klar und auch meine Schwester hat sich für die Tasten entschieden.Es folgten Jahre auf der Musikschule, tägliches Üben (meisst nicht ganz freiwillig) bis irgendwann mitten in der pubertären Trotzphase die Interessen sich vom Klavierspielen auf andere Dinge konzentrierte. Es wurde geschwänzt, die Übungspausen immer länger und irgendwann haben wir ganz aufgehört. Geklimpert wurde trotzdem immer mal wieder und irgendwann kam dann die coole Bandzeit mit Keybord und das heimischen Piano kam wieder zwecks Übungseinheiten zu Ehren. Die Kumpels, die auch Klavier spielen konnten und ein eigenes Instrument besassen, hatten diese kleinen, glatten Klaviere im passenden Schrankwanddesign der 80er Jahre, die im Regelfall klangen wie sie aussahen. Dünn und farblos. Aber vermutlich konnte man sie mit einem ausgestreckten Finger durchs Zimmer schieben.

Ernst Kaps Dresden, Nr. 30551. Schwer, massiv, voluminös. Solider Holzkörper furniert mit Jugendstil-Intarsien. Ich habe unzählige Stunden an diesem Instrument verbracht. Ich liebe seinen unverwechselbaren Klang und der damals so verhasste Bach spielt sich heute ebenso gut wie Jazz-Harmonien.

Jetzt soll ich mich trennen und werde sentimental. Die beste Ehefrau von allen kann das nicht verstehen. Für sie ist es nur ein Klavier, dass dringend restauriert und gestimmt werden muss und darüber hinaus nicht ins Wohnkonzept passt. Nach kühler Kalkulation ihrerseits schreit alles nach einem schicken, schwarzen, hochglanzlackierten Kasten modernster Produktion. Sie meint ja auch ich solle lieber digital fotografieren…

Dogma

Die Fotografie ist gekennzeichnet von einer Vielzahl unsäglicher Lagerdiskussionen. Ob digital vs. analog, Canon vs. Nikon, oder, oder, oder… Solche und ähnliche Auseinandersetzungen werden mit ungebrochener Leidenschaft geführt. Ich begrüsse Leidenschaft und sie ist meines Erachtens essentiell, wenn man sich auf das Abenteuer Fotografie einlässt. Würde jedoch die Energie, mit der einige Zeitgenossen ihre Dogmen einnehmen und verteidigen, bloß zu einem Bruchteil in die Arbeit am guten Bild gesteckt, die fotografische Kulturlandschaft würde vermutlich einen mittelfristigen Qualitätsschub sondergleichen erfahren.

Das gute Bild, ja, das ist bereits das nächste Minenfeld. Gut liegt im Auge des Betrachters, die Geschmäcker sind unterschiedlich und per Definition die Auseinandersetzung darüber eigentlich unsinnig. Ich hab ja bereits des öfteren über mir zu glatte und belanglose Fotografien berichtet. Das ist mein Geschmack und bedeutet nicht, dass mir ausschließlich Analogbilder gefallen oder per Film automatisch ein Kunstwerk entsteht. Das ist der gleiche, weltfremde Ansatz der Technikfanatiker, je größer die Kamera, je besser das Bild. Quatsch. Ich mag auch digitale Bilder und auch auf Film wird eine Menge Müll produziert, wovon ich ein Lied singen kann. Auch gefallen mir persönich nicht alle Bilder der Kollegen von denen ich lerne oder bei denen ich kommentiere, ob sie Kunst sind oder nicht, kommerziell erfolgreich oder nicht. Ich kann deshalb trotzdem ihre Kompetenz anerkennen, zuhören und lernen.

Ich gestehe ja, auch ich kann hin und wieder nicht widerstehen die eine oder andere Spitze zu äußern und spaßeshalber den Missionar zu spielen. Kleinen Frotzeleien sind nunmal ein kommunikativer Spielball, auf den ich nur ungern verzichte und bei dem ich beileibe nicht immer ungeschoren davon komme. Wenn sich daraus dann eine Diskussion entspannt, muss ich zum Schluß vielleicht zurückstecken oder man einigt sich darauf, dass die Positionen zu unterschiedlich sind um sich anzunähern oder Deckungsgleichheit zu erlangen. Auf alle Fälle werde ich aus einem Wortgeplänkel oder verbalen Schlagabtausch nutzenstiftendes Wissen ziehen und davon profitieren. Das ist toll und das passiert immer noch viel zu selten.

Also, lasst das Dogma in der Kirche, nehmt Frotzeleien nicht persönlich und kanalisiert Euren missionarischen Eifer in sinnvolle Bahnen. Es geht schließlich nur um Fotografie.

Fünfzig

Da ich noch auf keine 30 Jahre Fotografieerfahrung zurückblicken kann, mache ich jeden Tag aufs neue, für mich erstaunliche Entdeckungen. Letzte Woche habe ich noch über meine Erfahrungen in den höheren ISO-Regionen berichtet, da war mein letzter Testfilm Anlass, mich mal auf der anderen Seite der Skala zu versuchen.

Gemeinhin gilt ja, je lichtempfindlicher ein Film desto besser, denn ich kann eine kleinere Verschlusszeit wählen und bin somit eher vor Verwacklung geschützt. Auch hält sich Filmkorn bis ISO 1600 je nach Film-/Entwicklerkombination noch in erträglichen Grenzen. Auf der digitalen Seite bekommen wir quasi täglich mit jeder neuen Kamerageneration mehr Möglichkeiten, rauschfreie Bilder auch im 4-stelligen ISO Bereich zu produzieren.

singleBei einem unbewegten Objekt und der Kamera auf einem Stativ spielt Bewegungsunschärfe aufgrund langer Belichtungszeiten bei niedrigen Filmempfindlichkeiten eigentlich keine Rolle. Vielleicht muss man noch in der Lage sein, für ein korrekt belichtetes Foto die Sekundenzeiger der Uhr richtig abzulesen, das wars dann aber auch. Wie verhält sichs aber wenn man sich mit vorgenanntem Material an einem Portrait versucht?

In den Anfängen der Fotografie, als an hochempfindliches Material für jedermann noch nicht zu denken war, gab es wohl die abenteuerlichsten Konstruktionen, die den Oberkörper und Kopf des Models fixieren sollten, um ein unbewegliches Verharren in einer unbequemen Portraitpose zu ermöglichen. togetherIm Vergleich dazu befindet man sich heutzutage mit modernem Filmmaterial und ISO 50 wohl im Luxusbereich. Trotzdem noch erstaunlich, wie bei einer Verschlusszeit von 1/15 ein scharfes Portrait entstehen kann. Selbst mit einem 2-jährigen an der Seite, der die Ruhe nicht gerade gepachtet hat.

Schneegestöber

Sturmtief Daisy wütet, Schneegestöber allernorts. Auf den Berggipfeln mag das jahreszeitlich komplett in Ordnung gehen, auf meinen Negativen wollte ich es nicht haben. profilDer von höheren ISO-Weihen gesäumte Weg zur fotografischen Erleuchtung führt nach oben und hier wird die Luft bekanntlich dünner. In meinem Fall sind es leider mal wieder die Negative, die zu dünn daher kommen.

Es waren meine ersten Versuch im Bereich von ISO 3200. Umso mehr machen die Hinweise aus Michaels letzem Kommentar zur richtigen Belichtungsmessung jetzt Sinn. Bei rundum gedämmten Licht und ein paar Weihnachtsbaumkerzen sollte man ziemlich grosszügig in der Zugabe sein, oder die Situation richtig einschätzen können, um dann in der Entwicklung entsprechend draufzusatteln.

FrontMeine fotografische Ausbeute hat gerade umwerfende Ähnlichkeit mit meiner Lottotrefferquote. 0 aus 12. Nicht schön aber vermutlich gehört das zum Prozess. Zähne zusammenbeissen und durch. Mit dem Frühling verschwindet früher oder später auch der Schnee – manche Dinge brauchen einfach Zeit.

Mysterien und Vermutungen

Über meine Tigerenten-Negative habe ich ja bereits lang und breit berichtet. Soeben wurde nun der zweite Testfilm entwickelt. Ein R3, 35mm, ISO 800, gebadet in RHS, aus der auch vorher benutzten Flasche. Das Ergebnis sind die bislang besten Negative, die ich jemals entwickelt habe. Auf den Punkt. Nicht zu dünn, nicht zu hart und von Streifen keine Spur. Demnach kann es nicht der Entwickler sein. Der einzige Unterschied zur Entwicklung, die zu den Tigerenten führte, war eine leicht geringere Entwicklerkonzentration (1:9 statt 1:7).

Ergo schliesse ich, dass es sich um sogenannte Bromidabläufe handelt. Der Effekt wird im Internet mehrfach beschrieben. Ich zitiere mal: “Ganz ohne Bewegung geht es allerdings auch nicht. Zumindest dann nicht, wenn der Film senkrecht steht, wie in der Dose oder im Planfilm-Entwicklungstank der Fall. Sonst kann es zu sogenannten Bromidabläufen kommen: An Stellen intensiver Belichtung entsteht viel metallisches Silber und in seinem Gefolge auch viel Bromid. Das kann in der Lösung nach unten sinken und hemmt dort die Entwicklung – helle Streifen auf dem Negativ sind die Folge.” (Quelle: phototec).

Ich habe zwar bei den Kippbewegungen nichts anderes gemacht als sonst, aber der beschriebene Effekt passt genau. Eine Möglichkeit wären noch Verwirbelungen an den Streben der Entwicklungsdose. Ansonsten wäre ich dann mit meinem Latein am Ende…

Nachtrag: Ich schiebe nochmals einen Link hinterher, auf den ich gerade gestossen bin. Davon kommt mir ‘ne Menge bekannt vor…