Mut zur Kunst

Wir sind umgeben von Bilder, die Erkenntnis der erneuten Volksbewegung Fotografie ist mehrheitlich angekommen und Profis stöhnen ob der unliebsamen Konkurrenz aus dem Hobbylager, die einen ehemals wohl lukrativen Auftragsmarkt gehörig unter Preisdruck gesetzt hat. Letzter Ausweg Kunstmarkt.

Bildwerke werden an allen Ecken und Enden präsentiert, und unter anderem auch in den Online Publikationen diverser Tageszeitungen. Hier stöbere ich immer wieder mal ganz gerne und lass mir zeigen, was von profunder Kennerhand als zeitgenössische Fotokunst erkannt wurde. Dabei lese ich mit grossem Interesse die Kommentare zu den Bildstrecken, wenn denn welche abgegeben wurden, und was ich heute mal wieder gefunden habe, sind abwertende Kommentare, ähnlich dessen, was man bei moderner Kunst üblicherweise hört, à la “hätte ich/meine kleine Tochter/etc. auch gekonnt”, “was soll das Besondere sein”,…

Ohne dagegen argumentieren zu wollen, dass viele, vieles können, es aber eben nicht machen oder eben nicht die Idee hatten: woher kommt die Lust der Abwertung? Ist es nicht spannend, dass ganz viele Fotografen von sich selber behaupten, ich mache ja keine Kunst? Warum probieren wir es nich einfach mal mit kollektiver Aufwertung und sagen – wir machen alle Kunst?

Zum Kunstbegriff wird es niemals eine allumfassende und erklärende Definition für jedermann geben! Wir lassen uns im heutigen Sprachverständnis den Kunstbegriff fremd bestimmen, durch Sammler, Märkte, angebliche Experten und haben vielfach nicht die Cojones zu sagen: wir machen Kunst! Warum nicht? Probiert doch einfach mal.

“Das ist Kunst”
“Nie im Leben…”
“Beweis mir mal das Gegenteil”

Kunst muss nicht immer schwer, tiefschürfend, handwerklich aufwändig oder was der Geier sein. Kunst braucht nicht zwangsläufig einen Experten, der das Prädikat künstlerisch wertvoll verteilt. Kunst muss nicht elitär sein. Kunst muss sich nicht in der Tradition von irgendjemand oder irgendwas verstehen. Kunst darf leicht und banal sein und Kunst darf unterhalten. Einfach so.

Ach ja: Ich mache Kunst!

Wandel

Dinge verändern sich. Das ist der Lauf der Zeit. Das finde ich mal gut, mal weniger gut. So oder so, der Wandel hält das Rad am Laufen und das ist wichtig.

Einige der von mir frequentierten Blogs haben einem Trend der letzten Monate folgend ihre Kommentarfunktion deaktiviert. Ich bin da zwiespältig. Einerseits kann ich es verstehen, weil vielfach eine Menge Müll verkommentiert wird und die zig-tausendste “Awesome”-Meldung “und schau doch mal bei mir vorbei” irgendwann ermüdet, genauso wie die Spam-Lawine, die es regelmässig zu beseitigen gilt. Auf der anderen Seite gibt es doch immer wieder interessanten Austausch und Gedankengänge, und die Möglichkeit der Interaktion via Kommentar, ist nach meinem Dafürhalten noch immer immer ein wesentlicher Bestandteil des Bloggedankens.

Mein persönlicher Wandel vollzieht sich gerade im Handling meiner Negative. Ich habe aufgehört sie zu scannen. Der Ersteindruck erfolgt schon mal durch Sicht und Lupe. Gut durchzeichnet? Über- oder Unterbelichtet? Kann man alles so sehen. Möchte ich dann einen Überblick der Ergebnisse als Positiv haben, mache ich einen Kontaktabzug. Das geht wesentlich schneller als die quälend langsame Scannerei, die mangels Planlage auch noch den Schärfeeindruck der Negative verwischt und ich kann bereits besser beurteilen, was mich beim finalen Print erwartet. Und auch das gehört für mich mittlerweile dazu. Ein Bild, das mir gefällt wird ausbelichtet. Dabei ist das Format erst mal nebensächlich, aber ich habe gerade keine Lust mehr auf virtuelle Ordner mit Unmengen an Datenvolumen. Klar, um im Internet zu präsentieren komme ich nicht ganz am Scanner vorbei. Aber das erfolgt nur noch mit dem Positiv und nur noch für die Bilder, die tatsächlich online zu sehen sein sollen.

Das ganze hat übrigens gar nichts mit Retro, oder Verweigerung gegen Technik zu tun. Es entspricht einfach meiner momentanen Arbeitsweise und ich geniesse die Zeit, die ich beim Verzicht aufs Scannen gewinne und dafür in der Dunkelkammer beim Ausfeilen meiner Technik gewinne. Ob das nachhaltig ist, weiss ich nicht. Falls nein, ändere ich das einfach wieder. Wandel eben.

Gefallene Helden

Meine fotografische Entwicklung ist zur Zeit geprägt von dem Versuch meine Fähigkeiten bei der Gestaltung des Positivs, des Prints zu verbessern. Wenn ich mich vor anderthalb Jahren noch über jeden Abzug gefreut habe, den ich halbwegs manierlich aus der Schale ziehen konnte, so steigen heute, mit der Komplexität der Negative, auch die Ansprüche an das eigene handwerkliche Vermögen. Und ich ärgere mich regelmässig, wenn ich nach dem vierten oder fünften Versuch den getrockneten Print in der Hand habe, dass mir wieder ein Bereich auffällt, der nicht optimal dargestellt wurde und den man noch überarbeiten könnte.

Zur fotografischen Entwicklung gehört ja auch immer die Betrachtung von Bildbeispielen anderer Fotografen. Und hier hat sich für mich ein erstaunlicher Wandel vollzogen. Leute, die ich ehemals bewundert habe, Szenegrössen, deren Fotografie mit Sicherheit den höchsten Ansprüchen an technischer Ausarbeitung genügt, deren Fotografie fängt mich an zu langweilen, denn sie ist vielfach geprägt von Wiederholung. Zum dreihundertfünfzigtausendsten mal – Frau, halbnackt oder nackt, in lasziven oder träumerischen Posen auf dem Hotelbett, vor dem Hotelbett, am Zimmer des Hotelfensters… Mal ein anderes Mädchen, mal ein anderes Hotel, das Prinzip bleibt gleich. Routinierte Abwicklung.

Nicht, dass ich mich nicht auch wiederholen würde. Das mache ich ständig, allerdings verstehe ich mich auch in einer anderen Phase der Fotografie: ich habe noch einen viel höheren Lern- und Experimentierbedarf und da ist ein sich wiederholendes Motiv nicht die schlechteste Wahl.

Vielleicht ist es auch der Blick hinter die Kulissen, der das Bewusstsein schärft, dass alle nur mit Wasser kochen. Der Materialeinsatz anderer Fotografen, für eine handvoll Bilder, ist teilweise erstaunlich hoch, und spannend sind die Phasen, die man miterleben darf. Ein kurzes Hoch, bei dem intensiv fotografiert wird und anschliessend erfolgt die Ausschlachtung und Vermarktung über die nächsten 3-4 Monate. Vielleicht ist das die Crux: das Spielerische, die Unschuld geht verloren, wenn man erst mal ein Sujet besetzt, dort seine Erfolge hat und das mitschwingende finanzielle Interesse befriedigt werden will.

Möglicherweise ist das ganze auch einfach nur die logische Folge meines eigenen Lernprozess und der erste Schritt zur Schärfung des eigenen Profils, das sich hoffentlich nicht auch irgendwann durch gepflegte Langeweile auszeichnet und nicht mehr überraschen kann.

Der Patient ist tot

Warum titeln angeblich seriöse Tageszeitungen eigentlich über den Showtod auf Raten eines Gottschalk und den Abgang eines Berufszynikers wie Schmidt? Die tun ja gerade so, als ob das der Tod der deutschen Fernsehlandschaft wäre. Noch nicht gemerkt? Der Patient ist schon lange tot.

Ich erinnerer mich an die Zeit der grossen Samstagabendunterhaltung, sogar noch mit Showtreppe und Fernsehballett, aber die Fernsehgattung war auch schon mit Gottschalk ein lange überholtes Konzept. Und Schmidt hat eine zeitlang tatsächlich das Prinzip Late Night in Deutschland etabliert, aber auch diese Zeit ist lange vorüber und sein zelebriertes Senderhopping mit Millionenverträgen hat zwar durchaus was von Realsatire, diente aber ausschliesslich dem Geldbeutel von Herrn Schmidt und nicht der Unterhaltung des Publikums.

Angeblich moderne Zeiten und wir sind im Fernsehmittelalter angekommen. Brot und Spiele. Dschungelcamp, Mitmach-Juryshows mit zugesicherter Peinlichkeitsquote groesser 80%, Tauschmütter und Messiwohnungen mit Fremdschämgarantie und die alltägliche “Daily Soap” in Mehrfachausführung – hurra, der Groschenroman der 50er lebt weiter. Brot und Spiele – gut und böse für gehirnamputierte Affen, deren Daumen vor der Glotze nach oben oder unten zeigt, wenn sie den heimischen Bohlen auf der Couch geben, und die wieder einmal für einen kurzen Moment nicht selber die Verlierer sind, sondern Schadenfreude über die anderen Verlierer ausleben können.

Ja, die jüngere Generation hat das alles natürlich zielsicher erkannt. Hohn und Spott über die Macher und Konsumenten ausgetauscht über Twitter während man trotzdem gemeinsam schaut. Sehr sinnig, aber da sind ja noch die coolen und hippen amerikanischen Serien, die der Kenner sich im Originalton ansieht und deren Inhalt sich selbstverständlich um längen von den groschenromaninhalten der deutschen Tagtäglichserien abhebt. Grosses Budget, andere Sprache, anderer Ort, da bekommt das bekannte Strickmuster doch gleich eine ganz andere Dimension…

Was fehlt ist der Mut zum Experiment. Es gibt nichts Neues mehr und getrieben vom Quotendruck scheint keine Weiterentwicklung möglich. Scheint ein Kulturphänomen, wenn wir Fernsehen als Kultur sehen wollen, und da können wir dann den Bogen zur Fotografie spannen, da geben sich beide nichts.

Opium des Volkes

Ich bin Atheist. Ungeeignet zur Götzenanbetung. Das Volk der Fotografierenden scheint jedoch hochreligiös zu sein und sucht sein Heil in der Anbetung seines Gottes oder seiner Götter. Fotografischer Polytheismus.

Ich hab Mühe mit dem Klang des monotonen Gebets und halte mich zurzeit von den Kultstätten weitestgehend fern. Und mir geht es von Tag zu Tag besser damit. Ich weiß, dass ich das auf Dauer nicht durchhalten werde, alleine meine Neugierde wird mir bei Zeiten wieder ein Schnippchen schlagen, aber gerade jetzt genieße ich die „himmlische“ Ruhe.